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Der chinesische Schriftsteller Lin Yu Tang hat einmal gesagt, dass in der westlichen Malerei bearbeitet und retuschiert, abgekratzt und wieder bearbeitet wird, so dass man am Ende eine Arbeit mit vielen Schichten hat. Das steht im deutlichen Gegensatz zur fernöstlichen Malerei. In der fernöstlichen Tusche-Malerei gibt es dieses Ausprobieren nicht. Fehler werden nicht vergeben, ein zweiter Versuch wird nicht gestattet. Es ist wie in der Kalligraphie: Wenn einmal der Strich gemacht ist, war es das. Ein Fehler bedeutet, dass das Gemälde ruiniert ist, eine Meinungsänderung bedeutet neu anzufangen.
Das erinnert an Taekwondo, denn im Sport kann das gleiche wie
in der Kunst gelten. Vergleichen wir zum Beispiel Taekwondo und
Boxen. Boxen ist mit der Malerei im Westen vergleichbar: Die Fäuste
fliegen zwischen den einzelnen Gongschlägen, doch wie viele
dieser Schläge landen wirklich beim Gegner, da, wo sie landen
sollen? Taekwondo dagegen bedeutet leises Anschleichen und schneller
Angriff. Bewegung im Taekwondo ist überlegt und beherrscht.
Wenn sie aber ausgeübt wird, dann ist sie direkt und entschieden.
Das ähnelt wiederum dem Prozeß der Kalligraphie, bei
dem alles in einem fließenden Strich vervollständigt
wird, in einer einzigen, anhaltenden Linie, deren Fluß nicht
mit Nachdenken unterbrochen werden darf. Es gibt keine unsauberen
Stöße, kein zögerndes Sparring, kein Umklammern.
Es ist ein sauberer Ausbruch einer ungebrochenen Bewegung.
Die Bewegungen im Taekwondo und in der Kalligraphie haben auch
noch andere Dinge gemeinsam. Die Schönheit des Taekwondo
entspricht der dynamischen Spannung eine kraftvollen, aber kontrollierten
Linie. Im Taekwondo gibt es einige formale Bewegungsabläufe,
die grundlegend bei der Aneignung offensiver und defensiven Fähigkeiten
sind und bei der jede Bewegung eine festgelegte Einheit von Arm-
und Beinbewegungen ist. Dieses Bewegungsabläufe, denen bestimmte
chinesische Schriftzeichen zugrunde liegen, sind in ihrer geschmeidigen
Schnelligkeit sehr anmutig.
Der Schwarzgurt der ersten Stufe wird jeden Strich im Schriftzeichen
für "Gelehrter" ( )
durchlaufen, der Schwarzgurt der dritten Stufe wird sich im Schriftzeichen
( ) für
"Bauen" bewegen, und so weiter. In einer anderen Standardbewegung
erkennen wir das chinesischen Schriftzeichen für "Ewigkeit"
( ) wieder,
das auch immer und immer wieder von Kalligraphie-Schülern
geübt wird, um ein Gefühl für die Linie zu bekommen.
Bei der Schönheit der Formen, die wir im Taekwondo zu sehen
bekommen, geht es nicht einfach nur um Arme und Beine. Es ist
auch Zeugnis des Geistes, der in den chinesischen Schriftzeichen
inne wohnt. Und deshalb kann auch jemand, der absolut nichts über
die formalen Bewegungen weiß, im Standard-Seitkick und im
Frontkick immer noch jenes Wunder der Transformation erkennen,
mit dem auch durch einen Pinselstrich ein Rebengewächs auf
der Seidenleinwand zum Leben erweckt wird.
Es gibt keinen Unterschied zwischen den Bewegungen im Taekwondo
und den Linien, die die Zeit in einer Tusche-Zeichnung festhalten.
Auch hier erblicken wir den Strich, der einmal und für alle
gemacht wurde - genau wie die Hand, die ausgestreckt wurde. oder
der Fuß, der einmal angehoben, in der Mitte einerBewegung
weder zögert oder inne hölt, noch sich wiederholt oder
korrigiert. Es ist der absolute Akt, der weder Vergebung, noch
einen zweiten Versuch anstrebt. Wenn es um alles oder nichts geht,
wird sich jeder wappnen und sein ganzes Selbst auf die anstehenden
Herausforderungen konzentrieren. Er wird seine ganze Kraft in
Körper und Seele einsetzen, damit dieser eine und einzige
Schlag gelingt. Darin liegt eine elementare Schönheit, die
die Möglichkeit der Korrektur nicht vorsieht.

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